Häufig gestellte Fragen

Warum fliehen die Menschen über das Mittelmeer?

Die von uns geretteten Menschen beschreiben immer wieder, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben, als ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen. Sie fliehen vor Gewalt, Krieg, Verfolgung und Armut in ihren Herkunftsländern.

Viele von ihnen haben zudem auf ihrem Weg nach Europa extreme Gewalt und Ausbeutung, etwa in Libyen, erlebt. Fast alle berichten von gewaltsamen Übergriffen wie Schlägen, sexueller Gewalt und Mord. Nach der traumatischen Flucht und den Erlebnissen in Libyen gibt es für die meisten keinen Weg mehr zurück.

Aus welchen Ländern kommen die Flüchtenden in den Booten?

Im Jahr 2016 kamen die meisten Menschen, die an den italienischen Küsten ankamen, aus Subsahara-Afrika. Eritreer waren die zweitgrösste Gruppe derer, die in Booten die Flucht wagten. Sie erzählen, dass sie aufgrund der fehlenden Freiheit aus ihrem Land geflohen seien, in dem Männer beispielsweise für Jahre oder sogar Jahrzehnte ins Militär eingezogen und Deserteure eingesperrt, gefoltert und getötet würden. Viele der Angekommenen kamen aus Nigeria, Guinea, der Elfenbeinküste und Gambia. Viele weitere kamen aus dem Sudan, Somalia und Bangladesch.

Der Grossteil der Geretteten im Jahr 2016 waren Männer. Allerdings retten wir auch immer mehr unbegleitete Minderjährige und einzelne Kinder. Laut Schätzungen unserer Teams war rund jede zehnte gerettere Frau schwanger. Manche der Frauen waren schon in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft und mehrere Babys kamen an Bord unserer Schiffe zur Welt.

Warum hat MSF die Hilfsprojekte auf dem Mittelmeer begonnen?

Als humanitäre Organisation kann MSF die Situation auf dem Mittelmeer nicht ignorieren. Die Zahlen der bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunkenen oder als vermisst gemeldeten Personen sind auf einem historischen Höchststand. 2016 kamen nach offiziellen Angaben mehr als 5’000 Menschen um.

Nachdem die EU und Italien die grossangelegte Such- und Rettungsmission Mare Nostrum im Jahr 2014 einstellten, hatten wir keine andere Wahl als zu handeln. Seit dem Beginn unseres Einsatzes im Jahr 2015 ist uns klar, dass Rettungsaktionen nicht die Lösung im Umgang mit Menschen auf der Flucht sind. Allerdings ist es im Moment die einzige Möglichkeit, noch mehr Todesfälle zu verhindern.

Warum sterben immer noch Menschen im Mittelmeer?

Die Tatsache, dass so viele Menschen beim Versuch sterben, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, ist das Resultat starker «Push-Faktoren», beispielsweise gewalttätige Konflikte wie in Somalia. Auch die Gewalt und die Misshandlungen, die Flüchtende während ihres Aufenthalts in Libyen erleben, führen dazu, dass die Menschen das Land verlassen und die gefährliche Überfahrt wagen. Zum anderen ist die gefährliche Flucht über das Meer auch eine direkte Folge der immer restriktiver werdenden Asyl- und Migrationspolitik der EU.

Die Schliessung der europäischen Grenzen und das fast vollständige Fehlen sicherer und legaler Wege, Asyl zu beantragen oder nach Europa zu migrieren, zwingt Tausende Menschen, ihr Leben an Bord ungeeigneter Boote zu riskieren. Verstärkter Grenzschutz, erhöhter Millitäreinsatz, Bekämpfung von Schleppernetzwerken – die von der EU angestrengten Massnahmen haben letztendlich dazu geführt, dass noch mehr Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Weiterhin konzentriert man sich auf die Bekämpfung der Auswirkungen und nicht auf die Ursachen. Die Schlepper beispielsweise haben nun einfach ihre Vorgehensweise an die europäischen Massnahmen angepasst, sodass die Überfahrt noch gefährlicher geworden ist.

MSF ist davon überzeugt, dass Menschen ohne sichere Alternativen weiterhin bereit sein werden, sich auf gefährliche Routen zu begeben und ihr Leben zu riskieren. Sie auf See zu retten ist keine Lösung, sondern nur eine Notfallmassnahme, um Menschen vor dem Tod zu bewahren.

Warum kommen auch viele Menschen aus Ländern, in denen kein Krieg herrscht?

Die Gründe dafür, warum Menschen ihr Land verlassen, sind sehr komplex. Allerdings riskiert niemand sein Leben und das Leben der eigenen Kinder, wenn es eine Möglichkeit gibt, zu bleiben. Viele der Menschen auf den Booten können nicht schwimmen und besitzen keine Rettungswesten. Sie begeben sich in akute Lebensgefahr. Das tun sie nicht leichtsinnig – sie sehen schlicht keinen anderen Ausweg.

Ermutigen Such- und Rettungsaktionen die Menschen nicht dazu, sich auf den Weg zu machen und ihr Leben auf dem Mittelmeer zu riskieren?

Die Schiffe von NGOs sind nicht die einzigen Seenotretter im Mittelmeer. Gemäss dem internationalen Seerecht hat jedes Schiff die Pflicht zur Rettung von Menschen in Seenot. Der Grossteil der Rettungsaktionen 2016 wurde von Schiffen des Militärs, der EU-Grenzschutzangentur Frontex und der italienischen Küstenwache durchgeführt – und nicht von NGOs oder MSF. Ausserdem verkehren in der Such- und Rettungszone zahlreiche Handelsschiffe.

Es sind nicht die Rettungsschiffe, die Menschen zur Flucht über das Meer treiben. Es sind Konflikte, extreme Armut und Ungleichheit, die Millionen Menschen dazu bringen, anderswo Schutz zu suchen. Über das Mittelmeer fliehen die Menschen seit mehr als einem Jahrzehnt. Die Menschen werden nicht aufhören, das Mittelmeer zu überqueren, weil Europa ihnen den Rücken kehrt. Es ist unmoralisch und grausam, darauf zu spekulieren, dass es die Menschen abschreckt, wenn man Flüchtende ertrinken lässt. Jedes Jahr retten humanitäre Seenotretter Zehntausende Menschen vor dem Ertrinken.

Humanitäre Hilfe ist nicht die Ursache der Krise, sondern die Antwort darauf.

Warum bringt MSF die Menschen nicht zurück nach Libyen?

Die Menschen können nicht nach Libyen zurückgebracht werden, da sie dort nicht sicher sind. Gesetzlich ist ein Rettungsschiff dazu verpflichtet, aus Seenot gerettete Menschen an einen sicheren Ort zu bringen. Es ist die italienische Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung, die den sichersten Hafen auswählt, meist einen italienischen.

Die Lage in Libyen ist durch anhaltende Kämpfe und grosse Unsicherheit gekennzeichnet. Es gibt kein funktionierendes Asylsystem, das den Asylsuchenden angemessenen Schutz gewähren kann. Der Grossteil der von uns aus Seenot geretteten Menschen hat Libyen zumindest durchquert und war dort extremer Gewalt oder Ausbeutung ausgesetzt. Viele berichten von Raubüberfällen, Entführungen, Vergewaltigungen oder Erpressungen.

Die EU bietet der libyschen Küstenwache Trainings an, die aber statt auf die Achtung des internationalen Seerechts oder der Menschenrechte bloss auf ein effizienteres Abfangen der Boote abzielen. Die von der libyschen Küstenwache aufgegriffenen Menschen werden in Internierungszentren gebracht, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen und ohne Rechtsschutz festgehalten werden.

Mehr Informationen zu unserer Arbeit in solchen Internierungszentren in Libyen finden Sie hier.

Warum werden die geretteten Menschen nicht nach Tunesien oder Malta gebracht?

MSF entscheidet nicht selbst, in welchem Hafen die Geretteten von Bord gehen. Die in diesem Fall zuständige italienische Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung legt fest, welcher der sicherste Hafen ist, in den die Menschen gebracht werden müssen.

Tunesien hat bisher noch keine Gesetzgebung in Asylfragen und kann somit nicht in Betracht gezogen werden. Der Vorschlag, Menschen auf dem Meer abzufangen und sie nach Tunesien zu bringen, damit sie dort einen Antrag auf Asyl in Europa stellen, widerspricht dem heutigen Recht. Malta hat die Ergänzungserklärung zu der «Search and Rescue»-Konvention (SAR) und zur «International Convention for the Safety of Life at Sea» (SOLAS) nicht ratifiziert, in denen die unterzeichnende Regierung unter anderem die Verantwortung dafür übernimmt, einen sicheren Ort zur Verfügung zu stellen.

Daher werden italienische Häfen weiterhin offiziell als die sichersten Häfen eingestuft.

Machen NGOs auf See nicht die Arbeit von Schleppern einfacher?

Für verzweifelte Menschen bleiben Schlepper trotz aller Kosten und Gefahren die einzig verbliebene Option. Schleusen ist ein Geschäft, das die Not der Menschen ausnutzt. Es ist nur ein Symptom des Problems, aber nicht die Ursache. Solange das Geschäft funktioniert, wird es auch weiter Schlepperaktivitäten geben, unabhängig von Such- und Rettungsaktionen. Vielmehr profitiert das Geschäft der Schlepper von einer restriktiven Migrationspolitik der EU, die keine legalen Wege nach Europa zulässt.

Arbeitet MSF mit FRONTEX bei der Bekämpfung der Schlepperbanden zusammen?

Es ist nicht die Rolle von MSF, auf internationalen Gewässern zu patrouillieren, um Schleppernetzwerke aufzudecken. Wir sind eine medizinische Organisation, keine Polizisten, und sind im Mittelmeer, um Leben zu retten.

Rettet MSF Menschen nahe der libyschen Küste?

Die Schiffe von MSF sind bei den Rettungseinsätzen in internationalen Gewässern in der Such- und Rettungszone etwa 25 Seemeilen vor der libyschen Küste positioniert, denn von dort aus werden die meisten Notrufe abgesetzt. Unsere Teams suchen das Meer mit Ferngläsern nach Booten ab und reagieren auf Anfragen der italienischen Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung. Gemäss internationalem Seerecht und italienischer Gesetzgebung ist das Ignorieren eines Notrufs auf See eine unterlassene Hilfeleistung und kann mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.

In extremen Notfällen haben sich unsere Schiffe zur Lebensrettung bis an die Grenze der internationalen Gewässer auf zwölf Seemeilen der libyschen Küste genähert. Nur in äussersten Notfällen und ausschliesslich mit Erlaubnis der zuständigen italienischen und libyschen Behörden fahren sie noch geringfügig weiter in libysche Gewässer hinein. Im Jahr 2016 gab es nur wenige Ausnahmen, in denen MSF mit der expliziten Erlaubnis der zuständigen libyschen und italienischen Behörden an Rettungsaktionen 11,5 Seemeilen vor der libyschen Küste beteiligt war.

Antwortet MSF direkt auf Notrufe von Schleppern?

MSF arbeitet in keiner Weise mit Schleppern zusammen und ist ausschliesslich auf dem Mittelmeer aktiv, um Leben zu retten. Sobald wir ein Boot in Seenot entdecken, melden wir es der italienischen Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung. Sie ist verantwortlich und entscheidet nach internationalem Recht, welches Schiff am besten positioniert ist, um dem Boot zu helfen. Das können Schiffe der italienischen Küstenwache, der italienischen Marine, Schiffe der EU-Behörde für Grenz- und Küstenschutz (Frontex), der European Union Naval Force – Mediterranean (Eunavfor Med) oder Hilfsorganisationen sowie Handelsschiffe sein.

Wie finanziert MSF ihre Such- und Rettungsaktionen?

2016 wurde rund 1 Prozent unserer Gesamtausgaben für Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer aufgewendet. Alle Informationen über unsere Finanzierung sind öffentlich, werden von einer unabhängigen Stelle geprüft und können auf den Websites von MSF eingesehen werden. Seit Juni 2016 verzichtet MSF auf finanzielle Mittel vonseiten der EU und deren Mitgliedstaaten, um gegen die folgenschwere Abschreckungspolitik und die wiederholten Versuche, schutzsuchende Menschen von den Küsten Europas fernzuhalten, Stellung zu beziehen. Mehr Infos>>