Leben retten auf See

Interaktive Karte, Grafiken und Fakten zu den Such- und Rettungsaktionen von Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Mittelmeer

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Warum betreiben wir Such- und Rettungsaktionen?

Die italienische Such- und Rettungsmission «Mare Nostrum» wurde 2014 eingestellt, obwohl weiterhin unzählige Menschen im Mittelmeer ertranken. Als medizinische Hilfsorganisation kann MSF nicht einfach wegsehen, wenn Tausende Männern, Frauen und Kinder auf dem Mittelmeer sterben. Wir reagierten und begannen 2015 unsere eigenen Einsätze. Es ist ein Tropfen auf dem heissen Stein: 2016 starben täglich mindestens zwölf Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer. Wir sind uns dessen bewusst, dass Such- und Rettungsaktionen keine dauerhafte Lösung sein können: Der einzige Weg, Menschen davon abzuhalten, ihr Leben auf hoher See in Gefahr zu bringen, sind sichere und legale Alternativen, damit diese Menschen in Europa Schutz suchen können.

Wie sehen unsere Einsätze im Mittelmeer aus?

Seit 2015 sind wir auf dem Mittelmeer im Einsatz. Unsere Teams aus Ärztinnen und Ärzten, Fachkräften für Logistik und weitere Bereiche retten nicht nur Menschen vor dem Ertrinken, sondern leisten schon an Bord erste medizinische Hilfe. Wir arbeiten derzeit auf zwei Schiffen, der Prudence und der Aquarius. Auf jedem befinden sich ein medizinisches Team bestehend aus Ärzten, Pflegefachkräften und Geburtshelfern, ein Logistikteam sowie ein Team von Sprachmittlern, die zwischen Helfern und Geretteten vermitteln und dabei helfen, diejenigen auszumachen, die am dringendsten Hilfe benötigen.

Wo betreiben wir Such- und Rettungsaktionen?

Bei unseren Rettungseinsätzen sind unsere Schiffe in internationalen Gewässern positioniert. Sie liegen etwa 12–25 Seemeilen vor der libyschen Küste, wo die meisten Seenotfälle stattfinden. Nur in äussersten Notfällen und ausschliesslich mit Erlaubnis der zuständigen italienischen und libyschen Behörden fahren sie geringfügig weiter in libysche Gewässer hinein. Dies geschieht auf Anfrage bzw. mit der ausdrücklichen Erlaubnis der zuständigen Leitstellen zur Koordination der Seenotrettung (MRCC). Gemäss internationalem Seerecht ist jeder Schiffskapitän dazu verpflichtet, in das Hoheitsgewässer eines Staates einzufahren, wenn dies nötig ist, um Menschen in Seenot Hilfe zu leisten.

Wem helfen wir auf See?

Ob Kinder oder Erwachsene, Männer oder Frauen – wir helfen allen Menschen, die sich in Gefahr befinden und vielfach extreme Not erlebt haben. Menschen aus den verschiedensten Ländern wagen die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer. Sie kommen u. a. aus Bangladesch, Eritrea, Syrien, Nigeria, Ghana, Marokko, Pakistan und dem Sudan. Was sie gemeinsam haben, sind die extremen Umstände, unter denen sie ihre Reise unternehmen. Bei jeder Rettungsaktion erfahren wir haarsträubende Berichte über Gewalt und Ausbeutung, die sie in Libyen vonseiten der Sicherheitskräfte, Milizen, Schmuggler und der kriminellen Banden erfahren haben.

Welche Art von medizinischer Hilfe wird an Bord geleistet?

Unmittelbar nach einer Rettungsaktion werden die Geretteten in dringende und weniger dringende Fälle eingeteilt. Diese Etappe nennt sich Triage. Die dringenden Fälle werden in der Notaufnahme an Bord versorgt. Nach der Stabilisierung können einzelne Notfälle in Zusammenarbeit mit der Seenotrettungsleitstelle mit Hubschraubern oder Schnellbooten evakuiert werden. Weniger dringende Fälle werden ambulant an Deck behandelt. Zu den Behandlungsgründen gehören: Atemwegsinfektionen, Hautkrankheiten, Sonnenstiche und Verätzungen, die aufgrund des Kontakts mit Treibstoff und Salzwasser in überfüllten Booten keine Seltenheit sind. An Bord befindet sich auch eine Geburtshelferin, die schwangere Frauen betreut. In der Vergangenheit wurden bereits einige Kinder an Bord entbunden.

Welche Art von medizinischer Hilfe wird an Bord geleistet?

Psychologische Ersthilfe

Geschulte Sprachmittler gewährleisten eine psychologische Ersthilfe an Bord und schwere Fälle erhalten entweder an Bord oder an Land psychologische Betreuung durch Expertinnen und Experten. Bei den Sprechstunden erfahren unsere Teams Entsetzliches: Viele der Geretteten erlebten Folter und Misshandlung und viele, egal ob Frauen oder Männer, wurden Opfer sexueller Gewalt.

Wie laufen Such- und Rettungsaktionen ab?

Alle unsere Such- und Rettungsaktionen erfolgen unter der Leitung der italienischen Küstenwache und der Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung (MRCC) in Rom. Ausserdem unterliegen unsere Einsätze dem internationalen Seerecht und den Grundsätzen der humanitären Hilfe. Die See wird mithilfe von Ferngläsern auf Schiffe in Seenot abgesucht. Unsere Teams werden auch von der Seenotrettungsleitstelle über Schiffe in Kenntnis gesetzt, die sich in Seenot befinden. In jedem Fall bestimmt diese, ob und wo MSF eine Seenotrettung durchführt und in welchem Hafen die Geretteten sicher an Land gebracht werden müssen.

Wie finanzieren wir unsere Such- und Rettungsaktionen?

2016 wurde rund 1 Prozent unserer Gesamtausgaben für Such- und Rettungsaktionen im Mittelmeer aufgewendet. Alle Informationen über unsere Finanzierung sind öffentlich, werden von einer unabhängigen Stelle geprüft und können auf den Websites von MSF eingesehen werden. Seit Juni 2016 verzichtet MSF auf finanzielle Mittel vonseiten der EU und deren Mitgliedstaaten, um gegen die folgenschwere Abschreckungspolitik und die wiederholten Versuche, schutzsuchende Menschen von den Küsten Europas fernzuhalten, Stellung zu beziehen. Mehr Infos>>  

Aus Seenot gerettete Menschen, seit 2015

71.922
Quelle: MSF – Zahlen vom 25/09/2017 -
Die Anzahl geretteter Menschen umfasst all jene, die von MSF unmittelbar aus Seenot gerettet oder für den Transfer an Bord von MSF-Schiffen genommen wurden.

Interaktive Karte der Such- und Rettungsaktionen von MSF

Die interaktive Karte enthält die wichtigsten Informationen zu unseren Einsätzen im Mittelmeer. Die Position jedes Such- und Rettungseinsatzes wird auf der Karte geografisch gekennzeichnet. Indem Sie einen Einsatz auswählen, erhalten Sie detaillierte Informationen über das beteiligte Schiff, Datum und Dauer des Einsatzes, Anzahl der geretteten Menschen, Ausgangs- und Zielhafen, Beobachtungen zur allgemeinen Gesundheitslage an Bord und die Route des Schiffes.

ZUR INTERAKTIVEN KARTE>

Unsere Such- und Rettungsaktionen auf einen Blick

In den Grafiken werden die wichtigsten Eckdaten grafisch dargestellt. Sie enthalten Informationen zur Anzahl der geretteten Menschen und der durchgeführten Einsätze, zur Einleitung der Rettungsaktion, zu allen am Einsatz beteiligten Schiffen und zum Zielhafen, der als sicherer Ort für das Anlegen des Schiffes bestimmt wurde.

Bemerkungen zur Methodologie

In der Grafik wird die Gesamtzahl der bei einem Einsatz von den MSF-Schiffen aus Seenot geretteten Menschen angezeigt. MSF führt unter der Leitung der Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung (MRCC) zwei Arten von Aktionen durch: 1) Rettung von Menschen an Bord von Schiffen in Seenot; 2) Umsteigen (Transfer) von Geretteten an Bord bzw. von Bord zur effizienten Nutzung der vorhandenen Rettungskapazitäten vor Ort. Die Anzahl geretteter Menschen umfasst all jene, die von MSF unmittelbar aus Seenot gerettet oder für den Transfer an Bord von MSF-Schiffen genommen wurden.

Bemerkungen zur Methodologie

Die Grafik zeigt, wie MSF-Einsätze eingeleitet werden. In den meisten Fällen erhält MSF eine Anfrage von der Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung (MRCC), die den Rettungseinsatz einleitet ­– dazu zählen auch Anfragen, die von der Küstenwache und den Schiffen der Armee vor Ort ausgehen. Die Aktion kann auch direkt eingeleitet werden, wenn MSF-Rettungsschiffe vor Ort ein seebrüchiges Schiff lokalisieren oder von anderen Schiffen (z. B. von einer anderen NGO) über eine solche Notlage informiert werden. In jedem Fall erfolgen alle Einsätze unter der Leitung und Koordination der MRCC.

Bemerkungen zur Methodologie

Seit Beginn der Einsätze im Jahr 2015 hat MSF insgesamt fünf Schiffe betrieben: Im Jahr 2015 waren das die Schiffe Argos, Dignity I und Pheonix, 2016 die Argos, Dignity I und Aquarius und 2017 die Prudence und Aquarius. Die Grafik zeigt die Verteilung der Such- und Rettungsaktionen auf die betriebenen Schiffe. Die Anzahl geretteter Menschen umfasst all jene, die von MSF unmittelbar aus Seenot gerettet oder für den Transfer an Bord von MSF-Schiffen genommen wurden.

Bemerkungen zur Methodologie

Diese Grafik zeigt alle Häfen (sichere Orte), an denen MSF Gerettete ausschifft. Die Häfen werden in abfallender Reihenfolge vom meistgenutzten bis hin zum am seltensten genutzten Hafen angezeigt. Dabei fallen sowohl die Zahlen der an Land gebrachten Passagiere als auch die Anzahl der Ausschiffungen ins Gewicht. Die italienische Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung (MRCC) bestimmt den sicheren Ort und teilt ihn dem betreffenden MSF-Schiff mit.

Bemerkungen zur Methodologie

Die Tabelle enthält weitere Eckdaten der Einsätze. Die Einsätze umfassen Rettungsaktionen und Transfers an Bord von MSF-Schiffen. Eine Fahrt beginnt mit dem Auslaufen des MSF-Schiffes aus dem Hafen und endet mit dem Einlaufen des Schiffes im selben oder in einem anderen Hafen. Im Laufe einer Fahrt können mehrere Einsätze erfolgen. Patienten, die in Lebensgefahr schweben und einer dringenden, an Bord nicht verfügbaren Behandlung bedürfen, können während der Fahrt unter der Leitung der zuständigen Behörden und in Zusammenarbeit mit denselben vom Schiff evakuiert werden. Leichen werden geborgen, an Land gebracht und den zuständigen Behörden übergeben.

Durchschnittl. Einsatzdauer:

Durchschnittl. Fahrtdauer:

Anzahl Einsätze:

Anzahl Ausschiffungen:

Anzahl medizinischer Evakuationen:

Anzahl Tote:

MSF-Flotte 2017

Prudence

Die Prudence, die derzeit unter italienischer Flagge fährt, ist seit März 2017 im Einsatz und wird ausschliesslich von MSF betrieben. Sie kann bis zu 750 Passagiere befördern und bietet Platz für 400 weitere. An Bord befinden sich 13 MSF-Mitarbeitende, die für medizinische und Rettungstätigkeiten zuständig sind, sowie 17 Besatzungsmitglieder, die nicht zu MSF gehören und hauptsächlich mit der Navigation und technischen Aufgaben betraut sind. AUF LIVE-KARTE ANZEIGEN>>

Aquarius (mit SOS Méditerranée)

An Bord der Aquarius, die derzeit unter der Flagge Gibraltars fährt, befinden sich drei Crews: die Schiffsbesatzung, die für Navigation und Technik zuständig ist, das Rettungsteam von SOS Méditerranée und das medizinische Team von MSF. Sie kann bis zu 500 Gerettete an Bord nehmen. AUF LIVE-KARTE ANZEIGEN>>

 

MSF-Flotte 2015 und 2016

Argos


Unter luxemburgischer Flagge unterstützte die Argos Such- und Rettungsaktionen von Mai 2015 bis November 2016. Das Schiff konnte 300–350 Gerettete aufnehmen. Das MSF-Team an Bord war für medizinische und Rettungstätigkeiten zuständig.

Dignity I 


Die von MSF betreibene Dignity I war von 2015 bis 2016 an Such- und Rettungsaktionen beteiligt. Die gesamte Besatzung an Bord wurde von MSF gestellt. Das Schiff, das unter der Flagge Panamas fuhr, konnte bis zu 300 Gerettete befördern.

Phoenix (mit MOAS)


Die von Mai bis Oktober 2015 von der Hilfsorganisation Migrant Offshore Aid Station (MOAS) betriebene Phoenix beförderte ein medizinisches Team von MSF bestehend aus zwei Ärztinnen bzw. Ärzten und einer Pflegefachkraft, das für die medizinische Nothilfe zuständig war. Das Schiff fuhr unter norwegischer Flagge.